Garten Labor_Gedankenaustausch zur Gartenkultur….

Juni 9, 2011 in Garten Labor, Kultur, Leonart, Leonding, urbanfarm

Permakultur im Alpenraum

Gedankenaustausch zur Gartenkultur….

Vor kurzem hat uns Erwin Zachl, der im Oktober im Rahmen des *Garten_Labors* einen Vortrag in Leonding halten wird, zu einer Besichtigung seines Gartens in der Nähe von Steyr eingeladen.
Von außen unaufdringlich und kaum ersichtlich, offenbarte sich dieser Garten beim Eintreten doch gleich als etwas anders als der weit verbreitete klassische Einfamilienhausgarten. Hier gibt es mehrere unterschiedliche Ansprüche und ein Ausloten von Kapazitäten und Möglichkeiten: über 40 verschiedene Sorten von Tomaten unzähligen Formen und Farben, daneben Spargeln, weiter eine große, ertragreiche Kiwistaude, natürlich unterschiedlichste Salatsorten, Schnittknoblauch, von dem die milden und sehr bekömmlichen Blätter verzehrt werden, oder Pfefferpflanzen, bei denen allein die Blätter so scharf und aromatisch sind, dass ein kleines Stück davon genügt, um Ideen zur Verwendung in der Küche anzuregen…

Erwin Zachls Garten ist dabei aber kein großes Feld, sondern ein Garten durchschnittlichen Ausmaßes. Von den vielen Gemüse- Pflanzensorten, die hier wachsen, gibt es jeweils nur einige Stück. Denn das Anliegen von Herrn Zachl ist nicht etwa eine große Ernte oder gar der Verkauf seines Gemüses, sondern vielmehr die Erhaltung und Weitergabe von (einigen bereits sehr raren) Pflanzenarten und Samen und ebenso von Wissen rund um diese.
Erwin Zachl verbringt viel Zeit in seinem Garten und versucht, den unterschiedlichen Bedürfnissen seiner Pflanzen mit eigenen Kreationen und Ideen nachzukommen: für die empfindlichen Tomaten- und Paprikastauen hat er eigene kleine Häuser gebaut, in denen Seile von unten bis in den Dachgiebel gespannt sind, sodass alle Pflanzen daran hinauf wachsen können. Seine Gemüsebeete hat er großteils mit Stroh abgedeckt, sodass nur die einzelnen Pflanzen aus dem Stroh heraus schauen. Das Stroh hält den Boden darunter feucht und kühl, das Wasser verdunstet so bei weitem nicht so schnell, sondern wird gespeichert. Auch Karton eignet sich in ähnlicher Weise zum Abdecken von Platz zwischen den Setzlingen; auf diesem Weg wird auch so genanntes Unkraut ganz gut eingedämmt. Einige seiner Tomatenpflanzen hat er in einen aufgeschütteten Boden nur aus Holz- und Strohgemischen in einem kleinen Loch, das er zuvor mit etwas Komposterde füllte, angesetzt.

Der Gemüsegarten spielt heute allgemein im Garten an sich eine kleine Rolle. Noch vor wenigen Jahrzehnten war er eine ganz selbstverständliche Einrichtung, wenn es die Möglichkeit dazu gab, und er wurde zur Versorgung ganzer Familien angelegt. Besonders, wenn Lebensmittel knapp waren wie in der Nachkriegszeit, war der Gemüsegarten Notwendigkeit zum Überleben vieler. Erst als es in den 60er Jahren in Europa wirtschaftlich aufwärts ging, konnte der neue Trend aus den USA beginnen, zu faszinieren: Hollywoodschaukel, eingesäumte Rasenflächen, Thujenhecken und im Idealfall dazu noch ein Swimmingpool. Heute verfügt die Generation der etwa 30-Jährigen kaum noch Wissen zur Praxis eines Gemüsegartens, denn seitdem das Thema nicht mehr von Interesse ist, werden auch keine Erfahrungen mehr weitergegeben.

Gartenbau wird heute ohnehin in anderen Dimensionen betrieben: so kommen die Paprikas im Supermarkt bevorzugt aus Holland, Tomaten und Gurken aus Spanien, und der ungarische Spargel ist viel billiger als der aus Österreich. Und um die Weihnachtszeit Erdbeeren aus Südafrika, zu Ostern gibt es Weintrauben aus Chile.
Im Kühlregal locken bunte Joghurtbecher mit oft phantasievollen Geschmack-Sorten, enthalten jedoch sehr wenig bis kaum natürlicher Inhalte. Um wieder den Geschmack einfacher natürlicher Früchte zu entdecken, werden für Kinder heute dafür spezielle Seminare angeboten.
Und mindestens einmal im Jahr taucht ein neuer Virus auf, der plötzlich viele Menschen bedroht: diesmal ist es der Erreger EHEC, der anscheinend über roh verzehrtes Gemüse übertragen wird. Und wieder einmal sorgt das für viele verunsicherte Menschen:
Besser lieber alles chemisch vorgekaut?
Wie weit hat sich unsere Welt inzwischen gedreht?
Auf wen oder was kann man inzwischen noch vertrauen?

Dass Viren und Bakterien, die Krankheiten wie die derzeitige EHEC besonders in den weltweit groß angelegten Monokulturen gut gedeihen und mutieren können, sollte kein Geheimnis sein. Die Wahrheit liegt aber nicht immer im Interesse des Marktes oder der Medien.

Als wir uns nach ein paar Stunden intensiver Gartenschau und angeregten Gesprächen rund ums Thema von Herrn Zachl verabschieden, trifft gerade ein Reisebus aus Slowenien ein, der eine große Gruppe interessierte Menschen samt Dolmetscher zu diesem besonderen Garten bringt, um Neues zu erfahren und Bekanntes auszutauschen. Uns bereitet das eine echt gute Stimmung: die Vermittlung von (fast) vergessenen Kulturformen und Techniken in diesem Bereich ist zwar rar, aber da, wo sie betrieben wird, intensiv, voller Begeisterung und eindeutig zukunftsweisend.

Links:

http://www.bio-ernteland.at/