„Wozu Selbstversorgung …“

Oktober 7, 2011 in Garten Labor, Kultur, Leonart, Leonding, urbanfarm

„Wozu Selbstversorgung – es gibt doch alles im Supermarkt“
Zum Vortrag von Erwin Zachl am 1. Oktober 2011 in urbanfarm

Welches Nahrungsmittel in Eurem Haushalt fällt Euch spontan ein, das nicht (indirekt) von Erdöl abhängig ist? Nicht ganz einfach, wenn man sich diverses Essbares durch den Kopf gehen lässt, so landet man doch irgendwann immer wieder beim Transport, bei der Verpackung oder selbst beim Diesel, den der Traktor am Feld verbraucht.
Ganz zu schweigen davon, wie es dann erst bei nicht-essbaren Gegenständen aussieht. Das ist ja inzwischen nichts Neues mehr; nicht, dass wir nicht wüssten, dass unsere Kleidung massenhaft unter schlechten Arbeitsbedingungen in Fernost produziert wird, dass sich billiger Atom-Strom heimlich in „saubere“ Stromnetze einschleicht, dass unreifes Obst und Gemüse durch die halbe Welt transportiert werden, und dass sich Kinderhände für die Anfertigung von kleinteiligen Spielsachen ganz besonders gut eignen.

Wie weit sich in den letzten Jahrzehnten ein System ausbreiten konnte, das uns in unseren Konsum-Gewohnheiten fest im Griff hat und andere Systeme sehr erfolgreich verdrängen konnte, müssen wir uns erst vor Augen führen, um es wirklich wahrnehmen zu können. Wenn es in den Themenbereich der Permakultur geht, liefert uns Erwin Zachl einige noch wenig verbreitete Fakten. Wusstet Ihr, dass es allein in Österreich vor nur fünfzig, sechzig Jahren über 150 verschiedenen Apfelsorten gab? Heute sind es noch etwa zehn Sorten, die so lange aus den alten Sorten gekreuzt wurden, bis sie den Anforderungen von Haltbarkeit, Transportfähigkeit und dem vereinheitlichten Geschmack nach Apfel entsprachen. An Tomaten hat alleine Zachl 45 Sorten in seinem Garten, wohingegen im Supermarkt man nur drei oder vier Arten findet. Die dünnen, feinen Schalen vieler Tomatensorten würden nur den Transportweg zum Supermarktregal nicht überleben. Auch bei Kartoffeln ist mehr zu haben als die Unterscheidung zwischen mehlig und vorwiegend festkochend. Die z. B. in Skandinavien sehr beliebten roten oder blauen Kartoffeln schaffen es schon längst nicht mehr in unsere Supermärkte, und das, obwohl sie geschmacklich den blassgelben Artgenossen weit voraus sind und der dunkelrote oder blaue Farbstoff, der in unserem Körper als Fänger freier Radikale
agiert, den Nährwert bedeutend steigert.

Das stimmt uns schon alles ziemlich nachdenklich, aber – angesichts
undurchschaubarer, eng verwobener Wirtschaftsstrukturen und eines Systems, dem
wir uns kaum noch entwinden können – was sollen wir denn tun?
Die Devise lautet: selber tun! Wer die Möglichkeit dazu hat, der kann in seinem
Garten sofort das (im Baumarkt-Katalog gepriesene) Ideal des gleichförmigen,
sauberen Rasens, der Thujenhecke und der Hollywoodschaukel stürzen und den

Raum umfunktionieren in ein Versuchslabor für Obst- und Gemüsepflanzen, die
großteils längst vom Aussterben bedroht sind. Und wer den Vorzug eines eigenen
Gartens nicht hat, der bemächtige sich auf den öffentlichen Grünflächen in der Stadt,
denn auch diese sollen längst nicht mehr nur dem schönen Anblick dienen.

Wie diese Frau, die vor Jahrzehnten in Oklahoma City einen kleinen Stein ins
Rollen brachte und damit eine Lawine lostrat: auf dem öffentlichen Rasen in
einer Wohnsiedlung säte sie Samen für Sträucher und Gemüse. Kaum waren die
keimenden Pflanzen auf dem Rasen sichtbar, wurden sogleich die Angestellten der
städtischen Gärtnerei geschickt, um diese umgehend zu entfernen. Doch die Frau
säte wieder und die Stadtverwaltung musste aufs Neue ihre Gärtner ausschicken.
Zwei Jahre lang dauerte das Spiel, bis plötzlich jemand aus dem Stadtrat die Idee
hatte, beim Rasenmähen Personalkosten einzusparen und dafür der konsequenten
Bewohnerin ihre Pflanzen stehen zu lassen.
Seither gibt es in Oklahoma City gemeinnützliche Beete, denn der Eifer der heute 70-
jährigen wurde damals auch schnell von Nachbarn aufgegriffen.

Wenn Ihr also so manche Dinge in Eurem Leben ändern wollt, dann seid
dabei hartnäckig, und wenn es sein muss, jahrelang. Denn am Ende ist es das
konsequente Verfolgen einer Idee, mit der man die Menschen überzeugen wird.