Kultur-Kunst- Kommunikation 
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STOßZEIT?

Leondig Verkehr

DI. Ferdinand Karl-Weg in Leonding

 

Das Auto als individuelles Fortbewegungsmittel spielt eine wichtige Rolle in unserem Wohlstandverständnis. Und natürlich müssen auch die Auswirkungen des Wohlstandsverkehrs irgendwo hin.

Genau dies zeichnet sich Tag für Tag an größeren Verkehrsachsen und –knoten in den so genannten Stadtperipherien ab. Was zur komfortablen Selbstverständlichkeit des Fahrers geworden ist, wird nun für ganze Wohngegenden, Siedlungen und besonders Fußgänger und RadfahrerInnen zum wachsenden Problem.

Wohnen im Grünen, und zwar abseits des Stadtzentrums, gilt es, neu zu hinterfragen, denn nur weil mensch sich am Stadtrand befindet, kann mensch sich hier nicht auf bessere Luft-, Lärm- oder Lebensqualitäten verlassen.

 

Aussteigen aus dem Auto und tägliche Wege neu überdenken, lautet die Devise: öffentliche Verkehrsmittel stehen auch hier am Harter Plateau teils in bester Qualität zur Verfügung (und teilweise sollte mensch an der Intensivierung der Intervalle arbeiten).

Radfahren ist gut für die Gesundheit und mensch kommt überraschend flott voran, wenn mensch es nur wagt. Nur die Radwege selbst stellen oft ein echtes Handicap dar.

Zu Fuß gehen ist auch ein Hit, aber nicht gerade für Langstrecken tauglich. Aber sind denn so viele unserer täglichen Wege Langstrecken?

 

Zumindest, wenn irgendwann in der Stoßzeit mit dem Auto gar nichts mehr weitergeht, dann wird einigen der Kragen platzen und sie werden ihr Individual-Transportmittel, das zu 95 % ja doch nur die Fahrer selbst transportiert, im Stau stehen lassen, und über eine Alternative nachdenken.

 

 

ES WIRD WEITER GEBAUT

 

Die nächste Baustelle hat sich mit Bagger und Baukran manifestiert: anknüpfend an die Reihenhaussiedlung in der Parkstraße am Leondinger Harter Plateau, wo in den letzten Jahren sehr viel an neuem Wohnraum entstanden ist, werden nun die nächsten ehemaligen Felder verbaut, um die Lücke zwischen den Siedlungen bzw. Betrieben wie Eurospar und Bellaflora zu schließen.

Baulich wird vermutlich der Stil der Umgebung fortgesetzt: einige Reihenhäuser kommen noch hinzu, sonst wird das Areal vorwiegend mit mehrgeschossigen Siedlungsbauten erschlossen werden.

Begrüßenswert wäre eine Durchmischung in der Funktion der Bauten: statt aneinander gereihtem Wohnen (und Parken) hier in ein paar Jahren auch den einen oder anderen Laden oder ein Café mit Gastgarten vorzufinden, würde in Leonding für viele Einwohner und neue Zuzügler hier sicher reizvoll sein!

 

 

PIZZA UND MEHR

Sex sells

Werbung_Bildmontage: Johanna Klement

Neulich auf der Strasse. Das Auto eines Pizza-Bestellservices ist – vermutlicher weise – zu einer Kundschaft unterwegs. Warum mir das auffällt? Weil das ganze Auto überklebt und überpickt ist mit Werbung für den Pizzadienst. Die Werbung fällt aber nicht etwa durch den Anblick saftiger Pizza-Ecken oder ganzen Rädern davon auf, sondern durch die comichaft-schlichte Zeichnung einer blonden jungen Dame, der ihre überdimensional großen Brüste fast aus dem T-Shirt heraus hüpfen. Busen und Pizza. Ich hätte das wahrscheinlich nicht auf Anhieb miteinander in Verbindung gebracht, deshalb fragte ich mich zuerst einmal, ob das aufs Auto Gepflasterte denn eine gute Werbung sei. Andererseits: mit Busen kann mensch anscheinend so ziemlich alles bewerben, vielmehr noch: Hauptsache Titten, denn um was es sich tatsächlich handelt, ist nicht mehr so wichtig.

Wem gefällt Busen-Werbung? Ach ja, da gibt es schon einen nicht unbeträchtlichen Teil von Menschen, deren Aufmerksamkeit durch den Anblick von prallen Brüsten mit Sicherheit erregt ist. Also klar: erst Busen – aber hallo! -  dann die Pizza – warum nicht?

Ja, aber. Was ist denn mit dem anderen Teil der Leute? Alle die, die nicht gleich durch den Anblick eines Busens so fasziniert sind, sodass ihnen die Message der Pizza letztendlich entgeht? Pizza, dachte ich, hat mensch – unabhängig von geschlechtlicher Orientierung – gern. Es wird ja vom Pizza-Bestellservice nicht etwa erwünscht sein, dass diejenigen, die beim Anblick eines Busens reaktionslos bleiben, keine Pizza mehr bestellen. Gar nicht zu denken an die, denen der permanente An- und Ausblick auf  große Brüste, extra-tiefe Ausschnitte, wackelnde Popos und unendlich lang gestreckte Beine inzwischen ziemlich auf die Nerven geht. Denn nicht nur auf Autos geklebt rollen werbewirksame Körperteile durch die ganze Stadt; an allen Ecken und Enden drängen sie uns an Plakaten und in Schaufenstern ins Blickfeld. Weiter geht’s in der Fernseh- und Internetwerbung. Und auch Printmedien haben die Wirksamkeit nackter Haut bereits vor vielen Jahren verstanden.

Hier und heute und jetzt gerade gibt es davon so viel, dass es mir schon große Unlust bereitet. An das Thema der Übersättigung denken die Werbemacher nicht? Oder zahlt sich das für die paar Lästerantinnen nicht aus?

Aber es gibt ja auch Werbestrategien, die an uns, an den Mädels arbeiten. Motto: BI SEXY!! Erst Make-Up und Strümpfe machen Dich zu einer richtigen Frau! Und: kauf, kauf, kauf!! Werd erfolgreich, nimm Dir die anderen Mädels auf den Werbeplakaten zum Vorbild!

Na bitte, es ist doch nichts vergessen worden! Für die einen gibt es die prallen Busen, für die anderen die Anleitung auf dem Weg dort hin. So lange wir brav kaufen, sind (fast) alle zufrieden.

Und jetzt: Lust auf Pizza?

 

VOM SCHWITZEN UND SCHWIRREN

urbanfarm_Eingang Hoftor

urbanfarm_Eingang Hoftor Foto: José Pozo

Es ist Sommer geworden und wir kommen nun – laut Sommerprogramm von urbanfarm – einmal in der Woche zusammen, um am runden, oder (so wie gestern) auch am eckigen Tisch miteinander zu sprechen. Das ist gut und das macht Spaß, und Menschen von näher und ferner kommen endlich einmal wieder zusammen.

Sich einmal Zeit zu nehmen, um Austausch und Kopfzerbrechen zu betreiben, und der alltäglichen Hektik, in der wir uns eher oberflächlich halten, ein Schnippchen zu schlagen. Und was da auf den Tisch kommt, ist spannend.

In den ersten Treffen wollten wir nicht nur uns selbst, sondern auch unsere manchmal berühmt-berüchtigte Gegend, das Harter Plateau, besser kennen lernen. Genau, das ist das Vorstadtviertel, wo vor neun Jahren die beiden 20-stöckigen Wohnscheiben spektakulär gesprengt wurden. Was war denn damals wirklich los mit den marode gewordenen Plattenbauten? Warum hatte das Harter Plateau in Linz jahrelang seinen Ruf als „Glasscherbenviertel“? Und hat es diesen heute noch, jetzt wo die beiden – zum Zentrum aller Probleme stilisierten – Hochhäuser weg sind, oder gibt es nun eine andere Siedlung im Umfeld von Linz, die alle Probleme auf sich zieht?

Aber nicht nur die Frage vom Image kommt auf den Tisch, sondern auch besorgte Gedanken um die Zukunft hier vor Ort umkreisen die Runde. Keine überraschenden Sorgen für unseren Stadtteil: Durchzugsverkehr, Diesel in der Nase, Geschwindigkeits-Überschreitungen, Fahrrad-Unfälle. Und weiter: Siedlungsbau, mächtige Genossenschaften und laufende Flächen-Umwidmungen.

Die Idee, einmal kräftig an der Notbremse zu ziehen, schwirrt geräuschvoll in unserer Mitte. Und weiter Ideen drängen sich dazu, allen voran die der Berechtigung zum Denken für alle Menschen. Wenn die Menschen dazu übergehen würden, wieder mehr nachzudenken, anstatt sich ganzen Tag nur berieseln und berauschen zu lassen, dann…. Aber, das geht doch zu weit!

Zum Abschluss der Runde sagt Toni, „gut war´s, weniger die leibliche Nahrung als die geistige!“ Na dann! Ein wenig Kopfzerbrechen kann also doch was. Dann machen wir weiter, ganz nach diesem Motto, und werden auch nächste Woche wieder so manche Idee zu Schwirren bringen.  

 

DIE GRENZEN DES BEHÄLTERS

Mistkübel im Park

Mistkübel im Park_Harter Plateau urbanfarm BLOG Foto: José Pozo

Fruchtzwerge im Plastikbecher, Fisolen aus der Dose, Apfelsaft im Tetrapack, Reinigungsmittel in bunten Plastikflaschen. Unsere Dinge des alltäglichen Gebrauchs sind gut verpackt. Frankfurter sind eingeschweißt, Brot und Gebäck mit luftdurchlässigen Folien verpackt, Obst und Gemüse nach Gewicht abgepackt, Kosmetik-Artikel säuberlich in Plastikfolien gehüllt, Wurst und Käse in bereits geschnittenem Zustand in Kunststoff-Tassen gepackt, Chips in raschelnde Säckchen gefüllt, Wasser in der PET-Flasche, Seife gibt’s im Seifenspender, Zuckerl im Staniolpapier, Zahnpasta in der Tube, Bier in der Dose.

Was auch immer ich kaufe, ich kaufe grundsätzlich einen Haufen Müll mit. Den Müll versuche ich dann zuhause, nach Verbrauch und Verwendung meines Kaufguts, artgerecht zu entsorgen. Dabei schon auffällig ist, wie das abgelegte Verpackungsmaterial so mancher Kategorien allwöchentlich anwächst und immer wieder schnell einmal an die Grenzen so manchen Behälters stößt. Ich kann vielleicht den einen oder anderen Schluss ziehen anhand dieser Entsorgungs-Situation in meiner Wohnung. Zum Beispiel: Kunststoff ist offensichtlich in seiner Produktion weit billiger als Papier oder Karton. Was noch? Wir kaufen eine Menge. Wir sind anspruchsvoll – die Verpackungen erweisen sich oft als durchgestylte  Nebenprodukte (der eigentlichen Produkte). Und: wir müssen uns allwöchentlich abmühen, um all den Verpackungsmüll uns auch wieder vom Hals zu schaffen und aus dem Haus zu bringen.

Nachdem ich den Müll brav getrennt habe, brauche ich mich ja dann, wenn er einmal in der städtischen Sammelanlage ist, nicht mehr darum zu kümmern, was damit passiert. In welcher Deponie in welchem Erdteil er für die nächsten 500 Jahre eingelagert wird.

So ist unsere Welt.

So lange unser Blick an Design-Kalkül vom Feinsten und unser Geschmack an stets verfügbare Vielfalt gewöhnt sind, werden wir daran auch nichts ändern wollen; wer will schon all den Verzicht?

Lieber allwöchentlich die Mühe der Müllentsorgung. Und derweil warten wir darauf, dass Verpackungen, die man – genau wie deren Inhalt – einfach aufessen kann, endlich erfunden werden.

 

 

TRAURIGE GÄRTEN

Baumarkt, Garten-Abteilung

Baumarkt_Harter Plateau Foto: Johanna Klement_urbanfarm BLOG

Ein eigenes Haus mit Garten, das ist bürgerliches Ideal schlechthin. Ist aber – je nach Lebenssituation – wirklich toll. Besonders wenn mensch kleinere, durchaus sehr lebhafte Kinder hat, die ihr tägliches Quantum an körperlicher Energie abladen müssen, und die man dafür dann auch einmal in den Garten stecken kann.

Und ein Garten hat so einiges zu bieten: hier können die Kinder laufen, pritscheln, den Sand aus der Sandkiste überall verteilen, Bälle schupfen, raufen, wilde Spiele spielen, Eis essen und alles anpatzen, oder – falls vorhanden – schaukelnd Kunststücke vollbringen. Und noch mehr können sie im Garten: Gänseblümchen für Mama pflücken, Insekten wie Käfer und Spinnen im Gras beobachten, Blätter ausreißen und diese eindringliche sezieren, Erde zwischen den Fingern zerreiben, die Himbeerstaude leerpflücken, Pfützen untersuchen, Steine sammeln.

Ein Garten, der von Kindern bewohnt wird, ist mit Sicherheit kein Ziergarten. In einem Ziergarten darf mensch – egal, welchen Alters – nicht herumpatzen, keine Blätter ausreißen, nur vorsichtig über den Rasen laufen (besser: gehen) und keine Spielsachen mitnehmen.

Ein Ziergarten hat aber auch eine ganz andere Funktion, als Kindern einen wilden Spielgrund zu bieten. Ein Ziergarten hat die Aufgabe, das Haus, das sich in seiner Mitte befindet, zu dekorieren. In einem solchen Ziergarten befindet sich zu neunundneunzig Prozent auch ein sehr hübsches Haus mit großem Dekorations-Faktor. Das geht los beim ausladenden Balkon mit rustikalem Holzgeländer, geht weiter beim vergoldeten Fensterkreuz, bei so mancher schwungvoll gedrehter Säule, beim Willkommensgruß an der Eingangstür, setzt sich fort bei der kunstvoll ans Haus angefügten Garage und geht dann schwungvoll in den Ziergarten rundherum über. Wegelchen durch den Garten, die von A nach B führen, Zierbäumchen (stets sorgsam zurecht gestutzt), Terrasse mit farblich abgestimmter Markisen-Überdachung und allerorts heiter anmutende Porzellan-Figürchen, je nach Jahreszeit: Frösche, Schnecken und Vögel eher zur wärmeren, kleine Laternen und Igelchen eher zur kühleren Zeit.

Ich wage dennoch die Behauptung, so ein schicker Ziergarten ist Geschmackssache. Arbeitsintensiv auch, unbestritten. Unkraut wie störende Kleeblätter hat stets pünktlich ausgerissen zu sein, der Rasen muss mit Mittelchen zum prächtigen Wachstum versehen und dann wieder umso mehr gemäht werden, die Bäumchen müssen in Form gestutzt werden, und nicht zuletzt muss mensch sich auch um einen adäquaten Zaun –nämlich möglichst hoch und blickdicht – kümmern.

Nein, da halten wir nicht mit. Unser Garten ist uneben, durchsät von Klee und Gänseblümchen, übersät von Sandspielsachen. Außerdem beschlagnahmt der Gemüsegarten einen guten Teil der potentiellen Ziergartenfläche, und da wuchert es sogar noch mehr. Bei uns herrscht Natur – und es ist toll. Die Natur in unserem Garten hat – in ihrem Naturell – nichts mit geplanter Perfektion zu tun. Sie treibt und wuchert und wächst wild, und das aber mit ihrer ureigenen Perfektion, die einmal einer versuche, nachzuahmen! Sie bietet und uns unseren Kindern Raum für Erkundungen und wilde Früchtchen. Je nach ästhetischen Empfinden mag ein Ziergarten ja vollkommen, schön und perfekt sein. Aber wuchern und wild sein darf er nicht. Und das stimmt so manches Bäumchen und so manches Kleeblatt, wenn es wieder einmal mit ein paar wilden Trieben emporzuschießen versucht, vielleicht doch auch manchmal nachdenklich und gar traurig.

 

 

HERDERSTRASSE

Die Straße, in der ich wohne, ist eng und meistens so stark befahren, dass die Autos einmal in der einen, einmal in der anderen Fahrtrichtung stehen bleiben und die Entgegenkommenden vorbeilassen müssen. Das findet nicht jeder Fahrer zu jeder Zeit toll. Besonders, wenn es Uneinigkeiten gibt, der Fahrer welcher Richtung nun der ist, der zuerst fahren darf, werden die Begegnungen auf der Straße schnell hitzig.

Fensterscheiben runter und ins gegenüberliegende Fenster melden „kannst ned schauen oder was!“ Wenn der Gegenüber eine freche Antwort parat hat, geht Mensch über zum nächsten Schritt, zum Beispiel einmal vorsorglich die Fahrertür aufreißen , so weit, dass sie nicht ins Auto gegenüber knallt. Und wenn das nicht reicht, gestaltet sich die nächste Maßnahme als die Worte „Steigen ma aus? Steig doch aus, trau dich halt.“ Und weiter, „schau, ich steig aus!“ Das sollte meistens reichen, dass der Gegenüber-Auto-Fahrer sich mit dem Schein des Weisen umgibt, noch einmal deutlich die Augen verdreht und seinen Wagen anrollen lässt, um der Situation zu entkommen.

So weit meine Beobachtungen reichen, ist es zur Konsequenz des „schau, ich steig aus“ noch nicht gekommen, dafür nimmt sich Mensch dann doch keine Zeit. Lieber einmal bei starken Worten bleiben.

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So haben die Bewohner dieser Straße zumindest keine Straßenkämpfe vor Augen. Vielmehr haben sie die Abgase des rabiaten Beschleunigens, wenn wieder die wer-darf-als-erster-fahren-Situation aufkommt, sie haben die Sorge um ihren Nachwuchs, der sich unbeaufsichtigt niemals in die Nähe des Verkehrschaos´ auf der Straße wagen soll und sie haben – als Abwechslung zum Verkehrslärm und Motorengeheul – ab und zu auch verbale Hörspiele, bei denen besonders die Kinder immer gern neue Worte lernen.

 

 

 

ZIRKUS

Gar nicht weit von uns gibt es einen Grund, der liegt – umbaut von Straßen, Häusern und Parkplätzen seit Jahren brach. Faszinierend verwildert ist dieser Platz, versteckt hinter einem Wall großer Plakatwände.

Nicht immer war es hier leer und verwildert, vor nicht einmal einem Jahrzehnt gab es hier zwei sehr hohe Wohnhäuser, die aufgrund massiver sozialer Probleme durch eine Sprengung völlig abgetragen wurden. Heute ist der Großteil des Platzes, der Jahrzehnte lang von den beiden Wohntürmen aus den 1970er Jahren dominiert wurde, großteils wieder durch neue Siedungen verbaut, nur die Brache auf der nordöstlichen Seite liegt weiterhin ambitionslos da.

Dabei wäre es so schön, wenn es hier zwischen all den Wohnsiedlungen, Straßen, Parkplätzen, Supermärkten und Gewerbeparks unseres Vorstadtviertels einen Platz gäbe, der einfach so, irgendwie, schön ist, weil er eine einzige spezielle Funktion hätte: sein hektisches Umfeld zu entschleunigen. Er könnte Menschen anlocken, um hier zu flanieren und zufällig Nachbarn aus der näheren und weiteren Umgebung zu treffen.

Diese trifft mensch hier in der Vorstadt sonst nur beim Einkaufen im Supermarkt, vor der Schule und in der Kindergarten-Garderobe, (falls Hundebesitzer) auf der eingezäunten Hundespielwiese, im Baumarkt, beim Autoservice auf der Tankstelle oder am Parkdeck der Shoppingmalls. Seitdem die Straßenbahn vom Stadtzentrum ausgebaut wurde, ist es auch möglich, die Nachbarschaft in der Bim zu treffen.

Aber einmal einfach so, was Freizeit und Ungeplantes betrifft, tut sich hier bei uns eher wenig.

Da tauchten in unserem Stadtviertel vor wenigen Wochen plötzlich überall Plakate auf, die uns alle nicht schlecht staunen ließen: ein Zirkus würde kommen und direkt vor Ort gastieren. Aber wohin mit einem Zirkus, hier, zwischen all den Häusern, Straßen, Supermärkten, Autohäusern, Gewerbeparks und Shoppingmalls?

- Genau. Auf die Brache hinter den Plakatwänden.

Kurz darauf wurden die Waggons und Zelte des Zirkustrupps hier aufgebaut, direkt auf dieser wilden, dornigen Schotterwiese. Jeden Nachmittag gab es eine Zirkusvorstellung und neugierig kamen die Leute, um diese zu besuchen. Bekannte und Unbekannte aus der Nachbarschaft haben sich dann nachmittags im Zirkuszelt getroffen und Zirkuspferde, dressierte Hunde, Seiltänzer und den Clown zu bestaunen.

Der Zirkus wurde sogar um zwei Wochen verlängert, so gut besucht war er. Und der Zirkus brachte still und heimlich neues Leben ins Stadtviertel. Und die Brache hatte wochenlang genau die Funktion, die sie sichtlich das ganze Jahr lang haben sollte: uns Nachbarn in Form von Veranstaltungen zusammen und buntes Leben in die Vorstadt zu bringen.

 

 

 NACH DEM ZIRKUS

Zirkus

Zirkus am Harter Plateau_urbanfarm BLOG_Foto: Johanna Klement

Das Zelt ist erfüllt von schwül-heißer Luft, die mensch zunächst einmal im Gesicht spürt, ehe sie bald alles Gewand direkt am Körper kleben lässt. Die roten Plastik-Sesseln direkt auf der schotterigen Wiese, immer wieder kleine Schlaglöcher, sodass keiner der Sessel jemals gerade stehen könnte und mensch die Schieflage durch die Körperhaltung auskorrigieren muss.

Von hinten herein weht von Zeit zu Zeit ein wohltuender Lufthauch, bringt etwas Luft von draußen und alle atmen erleichtert durch. Das Licht im Zelt ist gedämmt, nur in der Mitte des Zelts ist es heller. Dort findet die Vorstellung statt: Hunde, die sich selbst in große Reisekoffer verfrachten, große Zirkuspferde mit Federnschmuck am Kopf, kleine Ponys, die mit den großen Pferden in der Manege laufen, eine Artistin am Hochseil, die sich Schwindel erregend schnell gewagt um das Seil herum dreht und begeisterten Applaus erntet. Die Kinder staunen und lachen, die Erwachsenen freuen sich darüber und zwinkern sich zu.

Es ist wunderbar.

In der Pause gehen wir raus aus dem Zelt und schauen uns die Zirkustiere an; sogar ein spuckendes Lama ist dabei. Es gibt Popcorn und Zuckerwatte, die Kinder dürfen auch Pony reiten ( was sich meine Kinder sowieso lieber nicht trauen). Eine gute Bekannte sitz mit ihrem Sohn direkt vor uns, und etwas weiter habe ich bereits einige Kindergarten-Bekanntschaften gesichtet.

Draußen, rund um das Zirkuszelt haben die Zirkusleute ihre Wohnwägen und ihr Quartier aufgebaut. Nach der Vorstellung sehen wir sie – ihre Kostüme wieder gegen normale langweilige Kleidung getauscht – in einem der Wohnwägen zusammen kommen, von den Kindern bis zu den Älteren. Vielleicht verbringen sie hier ihren Abend gemeinsam, wahrscheinlich hat jemand Abendessen gekocht. Einer der Waggons hat sogar eine Satellitenschüssel.

Der Zirkustrupp hat sein Zuhause überall – in den Brachen so vieler Städte in der näheren und in der ferneren Umgebung. So etwas finde ich faszinierend und bewundernswert und schön.

Und am Abend, als für diesen Tag alles wieder vorbei ist,  schwelgen alle hier noch ein wenig weiter in einer Welt von Glitzersternen, Drehorgeln, Luftballons, Pferdeschweiß, Feuerspuckern, süßem pickendem Saft und weißen Kaninchen.

 

 

MORGENSPORT

Welser Straße

Welser Straße, Harter Plateau_urbanfarm BLOG_Foto: Johanna Klement

Wir leben in einem  Bezirk, in dem Autohäuser eine flächenmäßig große Rolle spielen. Bei und gibt es Autowerkstätten, Autodetailhändler und überhaupt Autohändler. Rund ums Auto bekommt mensch alles, was mensch brauchen oder wünschen könnte. Überflüssig zu erwähnen, dass es an den Voraussetzungen von mehrspurigen Straßen hier weit und breit nicht fehlt. Wir befinden uns in der Vorstadt, hier bewegt mensch sich im Auto fort. 

Deshalb neigt mensch auch dazu, Wege generell im Auto zurück zu legen, selbst wenn diese kaum mehr als ein paar Hundert Meter lang sind. Erst im Auto wird die Stadt wirklich praktisch; etwa sind vor den einzelnen Geschäften die Parkplätze so groß angelegt, dass ihnen alle Gehsteige zum Opfer fallen mussten. Benachbarte Shoppingmalls sind regelrecht eingemantelt von vielstöckigen Parkgaragen, in denen mensch ganze Tage lang das Auto gratis abstellen kann. GPRS bringt uns in alle erdenklichen Winkel unserer Welt, und wir rauchen uns, um einen gewissen Ort zu erreichen, gar nicht mehr auseinandersetzen mit unbekannten Landschaften oder Städten und deren zerfledderten Straßenkarten und Stadtplänen.

Und nicht zuletzt liegt der Reiz ja auch im Gefährt selbst, dank guter Arbeit der Autoindustrie (da kommen wir auch wieder auf die zuvor erwähnten Autohäuser zu sprechen). Neuere Baumodelle des Automobils definieren sich schon eher als rollende Kleinflugzeuge oder mobile Transport-Computer. Mensch kann auch sagen: ein modernes Spielzeug mit allen erdenklichen technischen Raffinessen, sodass dem Fahrer schon einmal warm ums Herz wird vor Freude.

Warum also nicht mit dem Auto fahren?

Wenn ich morgens meine Kinder zum Kindergarten bringe – wahlweise zu Fuß oder mit dem Fahrrad -, dann fällt mir wieder ein, warum. Während wir die Autos im stockenden Morgenverkehr seitlich am Gehsteig langsam überholen, deren Abgase einatmen, uns über den Motorenlärm hinweg schreiend unterhalten müssen, werden die Autobenützer täglich ab gewissen (jeweiligen) Uhrzeiten nervös, ärgerlich und laden sich mit jeder Minute Stehzeit mehr Stress auf den Buckel. Dazu kommen wir vergleichsweise mühelos voran, auch wenn die Kinder schon ab und zu einmal meinten, „Mama, warum fahren denn wir nie mit dem Auto zum Kindergarten?“ Mir fällt dann schon immer eine Antwort ein, jedes Mal ein anderer Schmeh. Aber irgendwann werden die Kinder dann einmal selber wissen, was Mama jahrelang mit der Negation des Autos wirklich gemeint hat.

 

 

 EIN GESTRANDETER WAL

UNO Shopping

UNO Shopping, Harter Plateau_urbanfarm BLOG_Foto: José Pozo

Manche Dinge sollte mensch ja doch gar nicht für möglich halten. Das klingt ja echt absurd, aber tatsächlich ist es so passiert: die Shopping Mall, die vor noch gar nicht langer Zeit um viel Geld erbaut und einige Jahre später um viel Geld renoviert und weiter aufgeplustert worden war, steht heute annähernd leer.

Vor zwei oder drei Jahren waren es die ersten Geschäfte, die auf Zetteln, in ihre Shopping Mall-Auslagen geklebt, verkündeten: „wir übersiedeln“. „Diese Filiale ist nur noch bis Ende Juli in Betrieb“. „Wir schließen. Danke für Ihre Treue. Besuchen Sie uns in unserer Hauptfiliale in Urfahr.“

Da taten sich wieder Gerüchte über eine bevor stehende Renovierung des Einkaufszentrums auf. Doch mehr und mehr Geschäfte schienen vom Auszugswahn gepackt und ließen ihre Rollläden nieder.

UNOcity trifft New York

Foto : Jose Pozo

Dann zogen einige Billig-Discounter ein. Vom „1,- Euro Markt“ bis zum „Schnäppchen Paradies“ versuchte mensch hier ein kurzfristiges Glück. Aber auch die Discounter verloren bald ihre Zuversicht und flüchteten reihenweise wieder.

Die dünn besiedelte Mall, deren inneres Bild vor allem die herab gelassenen Rollläden prägen, verlor in den letzten Jahren viel und bekam dafür etwas Neues – abseits von ertragreichem Profit. Eine völlig neue und absolut außergewöhnliche Stimmung legt sich über die Gänge und Passagen der Mall, in der es so ruhig geworden ist. Die kitschigen Springbrunnen, umgeben von stechendem Chlorgeruch, sprudeln weiter. Darum herum angeordnet sie Sitzbänke zum Ausrasten. In die leeren Räume hinein schallt nach wie vor Gute-Laune-Musik, die uns nach wie vor zum großzügigen Shopping animiert. Dieses Stimmungsbild wird nur ab und zu durch den einen oder anderen Passanten, der verwundert nach dem einen oder anderen Geschäft sucht, gebrochen.

Jetzt gingen sogar noch die letzten zwei, drei Geschäfte, in denen mensch bis zuletzt beharrlich behauptete, hier in der Mall zu bleiben, „trotz Umbau“, wie mensch so schön sagte. Auch sie sind also jetzt weg, nichts hat sich mehr rentiert, und die Reihe der geschlossenen Rollläden wurde weiter vervollständigt.

Von außen blinkt und winkt die Shopping Mall den vorbei fahrenden Autos – aus letzten Kräften – entgegen. Das Parkleitsystem zeigt in leuchtenden Ziffern, wie viele freie Parkplätze jeweils auf den einzelnen Parkdecks zur Verfügen stehen (und das sind fast alle). Die großen Drehtüren in den Eingängen der Mall drehen sich den ganzen Tag vor sich hin. Da liegt dieser traurige Koloss einer Shopping Mall, deren Zeit ungeplant schnell abgelaufen ist. Ein riesiges, leeres Ding.

Kaum fünfhundert Meter weiter die benachbarte Shopping Mall, die als finanzieller Umschlagplatz nur so fluktuiert, wie sich das jede Shopping Mall erträumen würde. Auf dem Weg vom Stadtzentrum raus dort hin bewegen sich am Samstag Auto-Lawinen am gestrandeten Wal der verlassenen Shopping Mall vorbei, ohne diese auch nur noch eines Blicks zu würdigen. Diese liegt nun da, spielt ihr Programm vielleicht noch einige Zeit vor all den geschlossenen Rollläden weiter und wird dann – wie gesagt – irgendwann wieder umgebaut.

 

 

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